Mein Weg in die Selbsthilfe

Ich habe nicht gewusst, wie viel Kraft in mir steckt!
...oder: „Was sagt mein linkes Knie dazu?“

Brigitte Jülich
Schlaganfall-Selbsthilfegruppe Dortmund-Süd

Ich bin 1952 geboren, habe nach meiner Lehre als Zahnarzthelferin gearbeitet und wollte noch etwas mehr aus meinem Leben machen. Auf dem zweiten Bildungsweg ging es weiter.

Als mein Leben sich von Grund auf änderte, war ich 23 Jahre alt und stand drei Tage vor meinem schriftlichen Abitur.

An diesem Tag im Mai 1973 bemerkte ich, das die rechte Seite meines Mundes sich innen pelzig anfühlte. Im Spiegel sah ich, das der rechte Mundwinkel minimal herunterhing. Starke Kopfschmerzen, die trotz Tabletteneinnahme anhielten, quälten mich. Langsam fühlte sich der rechte Arm etwas lahm an. Ich hatte sofort die Idee: Schlaganfall.
Deshalb wandte ich mich umgehend an einen Neurologen.

In der Praxis füllte ich zunächst einen Fragebogen aus, der bei der Untersuchung keine Rolle spielte.  Der behandelnde Arzt stellte eine Gesichtsfacialis fest, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt kaum noch schreiben konnte. Meine selbstgestellte Diagnose „Schlaganfall“ verwarf er. Zu der Zeit glaubte ich noch, was mir ein Arzt sagte - leider.

Also ging ich an diesem Freitag mit der falschen Diagnose und den falschen Medikamenten nach Hause. Eine Besserung stellte sich nicht ein. Im Gegenteil: Mein Zustand verschlimmerte sich enorm.  Drei Tage und Nächte später konnte ich weder schreiben noch gehen noch lesen. Der Neurologe hat mich dann sofort an ein Krankenhaus überwiesen. Der dortige Chefarzt meinte, es wäre fast zu spät für mich.

Mein Abitur konnte ich dann auch vergessen. Also lag ich im schönen Mai 1973, die rechte Seite gelähmt, nicht sprechend, an der linken Hand den Tropf, im Bett und sah nur die Zimmerdecke, das Einzige, was ich noch konnte.

Zwei Monate vergingen auf der Neurologischen Station, ich lag noch immer im Bett und war gelähmt, als während einer Visite der Chefarzt zu mir sagte: „Das wird nichts mehr mit Ihnen Fräulein Jülich!" Andere Patienten hätte dieser Satz möglicherweise umgebracht, mich nicht. Ich hatte das Gefühl: Der lügt! Das kann nicht sein!!!

Seine Aussage spornte mich an. Ich versuchte alles in mir und an mir zu mobilisieren, meine gelähmten Zehen zu bewegen etc. Mit einem großen Gehwagen bemühte ich mich, auf dem Stationsflur zu spazieren. Rückblickend glaube ich, das ich mich damals bereits zur „Körpertherapeutin“ ausgebildet habe, obwohl ich von der Ausbildung noch keinen blassen Schimmer hatte.

Die nächste Station war eine Rehabilitationseinrichtung. Die Klinik liegt, wenn man nicht so richtig gehen kann, auf einem Berg. Also formulierte ich meine Ziele innerlich und begab mich ohne Absprache auf den Berg....., immer weiter und höher. An manchen Tagen hatte ich Glück, dass ich unverletzt zurück gekommen bin. Nach ungefähr zwei Monaten der Behandlung wurde der Rentenantrag gestellt. Ich verließ die Reha-Klinik auf eigenen Wunsch, aber mit den von mir gewebten Autobezügen, die ich in der Ergotherapie für meinen PKW, einer 2 CV Ente, gewebt hatte. Ich war inzwischen ungeduldig geworden, wollte mein eigenes Leben wieder in die Hand nehmen und mein Abitur beenden.

Also nahm ich im Oktober 1973 Kontakt zu meiner ehemaligen Schule auf. Ich hatte inzwischen einen Schwerbehindertenausweis und konnte nicht mehr mit rechts schreiben. Die Rektorin war mit meiner Anfrage regelrecht überfordert. Ich habe mich trotzdem durchsetzen können: Ende 1973 saß ich in der nächsten Abschlussklasse und versuchte Schreibübungen mit der linken Hand. Ein Jahr später habe ich Abitur mit Links gemacht. Im Wintersemester erhielt ich einen Studienplatz für Sozialpädagogik in Dortmund. Eine Erwerbsunfähigkeitsrente auf Zeit wurde positiv beschieden.

Ich bin über den Kopf auf die Füße gekommen.

Meine körperliche Eingeschränktheit begleitet mich jedoch nach wie vor. Ich bemühte mich weiterhin, zu gehen. Ich stellte und stelle mir seit der Erkrankung Gehsituationen immer gedanklich vor. Gehen findet seit dem Apoplex im Kopf statt. Vor der Erkrankung bin ich wie alle anderen Menschen gegangen, ohne darüber nachzudenken. Ich habe geschrieben ohne zu denken. Nun überlege ich, wie herum Buchstaben auf das Papier gehören, damit mein Gegenüber es lesen kann. Nach der Erkrankung denke ich mehr über Abläufe nach. Ich stelle mir bildlich vor, wie z.B. der Fuß abgerollt wird und das Bein angehoben wird.

Ich habe nach der Erkrankung keinen Arzt gefragt, was ich für die Gesundung tun kann. Ich habe die Verantwortung für mich übernommen. Ich suchte mir Bewegungen aus, mit denen ich körperlich weiter gekommen bin. So bin ich mit meiner „Ente“ gefahren und habe das Autofahren wieder geübt. 1980 bin ich zum ersten Mal zum Ski fahren ins Wallis gefahren. Oben im Schnee hat mein rechtes Bein oft so gezittert, dass ich manchmal nicht gewusst habe, wie ich den Abhang unverletzt hinunter kommen sollte. Es war schon eine harte, selbst auferlegte Schule. Sie hat mir im wahrsten Sinne viel Ansporn gegeben und ich bin auf meine Füße gekommen. Inzwischen war ich Vorzeigepatientin geworden.

1981  habe ich als Diplom- Sozialpädagogin in einer Rehabilitationseinrichtung für Psychisch Kranke begonnen. In dieser Zeit habe ich durch mein berufliches Tun und Weiterbildung Erfahrungen  mit verschiedenen Körpertherapiemethoden (Tanztherapie, Konzentrative Bewegungstherapie) gemacht. Aus eigener Erfahrung als Patientin hatte ich Sport und Ergotherapie erfahren. Die Übungen haben mir sicherlich auch geholfen. Im Gegensatz oder in Ergänzung dazu vermitteln Körpertherapien einen ganzheitlichen Ansatz. Gerade der Schmerz über das, was nicht mehr so ist, benötigt Schonraum, den wir nicht unterschätzen dürfen. Seitdem bin ich fast durchgängig im Bereich Psychiatrie tätig und arbeite seit vielen Jahren in einer eigenen Praxis für Psychotherapie mit der Methode der Konzentrativen Bewegungstherapie.

Wie geht es Dir?

In den dreißig Jahren ist es für mich wichtig geworden, dass psychische und leibliche Erfahrungen (wie jeder liegt, sitzt, steht und geht) zusammen gehören. Jeder Einzelne bringt das mit, was der Körper sich notiert hat. Auch wenn wir es inzwischen vergessen haben, weiß unser Körper weiterhin um die Dinge, die wichtig waren - wenn auch schmerzhaft. Ich erlebte mich aufgrund der Körpertherapie wieder körperlich und seelisch als Ganzes, was ich durch den Schlaganfall neu lernen durfte. Manchmal bedeutet Gehen an unterschiedlichen Tagen für mich, dass es mir unterschiedlich schwer fällt.

Die Konzentration auf das Gehen ist für nicht betroffene Menschen kein Thema. Wird der Blick darauf gelenkt, spürt jeder beim ersten Schritt, wie die Befindlichkeit momentan ist. Im Volksmund fragt man gerne sein Gegenüber: Wie geht es Dir? Wenn wir uns konzentrieren würden, könnten wir eine Aussage treffen. Wir wären selbst in der Lage, unsere Befindlichkeit zu prüfen, wenn wir uns auf unseren Gang und unsere Schritte konzentrieren würden. Geht es schwerfälliger, wüssten wir, dass wir uns heute vielleicht schonen sollten. Solche Rückschauen sind in unserem Leben fremd, auch wenn sie uns gut tun würden. Leider stehen wir solchen Fragestellungen noch nicht oder zu wenig offen gegenüber, so dass wir auch nicht körperlich oder seelisch auf uns aufpassen können. Oftmals sind es die kleinen Dinge im Alltag, die Bedeutung haben.

Meine Kraft gebe ich der Selbsthilfegruppe weiter.

Durch meine Erkrankung habe ich zwar viel Leid erfahren, empfinde aber auch Dankbarkeit dafür, wie es mir heute geht. Die Erkrankung hat mich sehr geprägt. Ich finde, ich habe einen guten Weg gewählt und manchmal auch nur zufällig gefunden. Ich habe vor der Erkrankung gar nicht gewusst, wie viel Kraft in mir steckt. Ich bin froh und stolz darauf, dass ich erlebt habe, wie viel möglich ist. Meine Kraft und Zuversicht will ich anderen gehandicapten Menschen weitergeben.

Ich hörte vom Aufbau einer weiteren Selbsthilfegruppe für Schlaganfallbetroffene in Dortmund. Die Gruppe hat mit ihrer Arbeit vor zwei Jahren begonnen und ich war von Anfang an dabei. Inzwischen sind wir ungefähr 20 Personen, die sich in unterschiedlicher Intensität treffen. Wir haben es uns zum Ziel gemacht, uns gegenseitig zu stützen und anzufragen, wenn wir Hilfe benötigen. Wir haben noch Vieles vor und wir sind offen für neue Mitglieder.